Covid-19 bei Kindern

Ver­öf­fent­licht von  Dr. Medi­men­tum  in Prä­ven­ti­on

FREITAG, 11. JUNI 2021

Impfung oder Ansteckung Wie gefährlich ist Covid-19 für Kinder?

Von Klaus Wedekind

Im Herbst könn­te eine vier­te Coro­na-Wel­le vor allem Kin­der und Jugend­li­che tref­fen, da sie als Letz­te geimpft wer­den. Des­halb ist es wich­tig zu wis­sen, wie gefähr­lich Covid-19 für sie ist. Wie hoch ist ihr Risi­ko, schwer zu erkran­ken, wie wahr­schein­lich sind lang­fris­ti­ge Beeinträchtigungen?

Jeder, der nicht gegen Covid-19 geimpft ist, wer­de sich frü­her oder spä­ter anste­cken, sagt Viro­lo­ge Chris­ti­an Dros­ten. Das wer­den zu einem Groß­teil Kin­der und Jugend­li­che sein. Denn selbst wenn eine Imp­fung für die Älte­ren unter ihnen jetzt grund­sätz­lich mög­lich ist, wer­den sie eher zuletzt geimpft. Die unter 12-Jäh­ri­gen blei­ben auf jeden Fall noch län­ge­re Zeit unge­schützt. Vor allem ihre Eltern wol­len daher wis­sen, wie gefähr­lich Covid-19 in die­sen Alters­klas­sen ist.

Extrem geringes Sterberisiko

Bis­her ist man davon aus­ge­gan­gen, dass vor allem älte­re Men­schen schwer erkran­ken oder gar ster­ben. Und dar­an hat sich auch nichts geän­dert. Bei den fol­gen­den Zah­len gilt es immer zu beden­ken, dass rund 14 Mil­lio­nen Deut­sche zwi­schen 0 und 18 Jah­re alt sind.

Den aktu­el­len RKI-Zah­len nach waren von den bis­her rund 89.200 regis­trier­ten Coro­na-Toten in Deutsch­land nur 20 jün­ger als 20 Jah­re. Min­des­tens 15 von ihnen hat­ten Vor­er­kran­kun­gen. Der Anteil der Min­der­jäh­ri­gen ist so klein, dass er im Bal­ken­dia­gramm nicht mal zu sehen ist, solan­ge man die Gra­fik nicht anklickt.

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Min­der­jäh­ri­ge Covid-19-Pati­en­ten sind auf deut­schen Inten­siv­sta­tio­nen extrem selten.(Foto: DIVI)

Ähn­lich sieht es auf den deut­schen Inten­siv­sta­tio­nen aus. Von ges­tern 1510 Covid-19-Pati­en­ten sind ledig­lich neun (0,6 Pro­zent) unter 18 Jah­re alt. Es gibt dazu zwar kei­ne Anga­ben, aber man kann davon aus­ge­hen, dass auch von ihnen ein gro­ßer Teil Vor­er­kran­kun­gen hat.

Klare Daten aus Kinderkliniken

Ein wei­te­res Regis­ter führt die Deut­sche Gesell­schaft für Päd­ia­tri­sche Infek­tio­lo­gie (DGPI), in das bun­des­weit Kin­der­kli­ni­ken sta­tio­när behan­del­te Kin­der und Jugend­li­che mit SARS-CoV-2-Infek­ti­on mel­den. Dabei wer­den auch genaue Daten zu Krank­heits­ver­läu­fen erfasst.

178 Kin­der­kli­ni­ken haben der DGPI bis­her ins­ge­samt 1603 sta­tio­nä­re Covid-19-Auf­nah­men gemel­det, vom 11. April bis 6. Juni waren es 344. Von allen Fäl­len muss­ten 5 Pro­zent auf Inten­siv­sta­tio­nen behan­delt wer­den, seit Ende April waren es drei Patienten.

Von allen gemel­de­ten Fäl­len waren 37 Pro­zent jün­ger als 1 Jahr alt, davon die meis­ten noch kei­ne vier Mona­te alt. 10 Pro­zent waren gera­de mal 1 Jahr. Das heißt von allen der DGPI gemel­de­ten Kin­dern war knapp die Hälf­te unter 2 Jah­re alt.

Die häu­figs­ten Krank­heits­sym­pto­me von sta­tio­när behan­del­ten Min­der­jäh­ri­gen sind Fie­ber (64 Pro­zent), Infek­te der obe­ren (39) und unte­ren Atem­we­ge (39) sowie Infek­te des Magen-Darm-Trakts (25).

PIMS sehr selten und gut heilbar

Die DGPI erfasst auch Fäl­le, in denen das Pediatric Inflamma­to­ry Mul­ti­sys­tem Syn­dro­me (PIMS) fest­ge­stellt wur­de. Es gehört zu den Spät­fol­gen, die nach Covid-Infek­tio­nen bei Kin­dern und Jugend­li­chen auf­tre­ten kön­nen. Unter ande­rem bestä­tigt eine aktu­el­le US-Stu­die den Zusam­men­hang. PIMS ist aller­dings sehr sel­ten und laut “Deut­scher Apo­the­ker Zei­tung” (DAZ) auch gut behandelbar.

Das bestä­ti­gen die Daten der DGPI. Vom 27. Mai 2020 bis zum 6. Juni 2021 regis­trier­te sie 342 Kin­der und Jugend­li­che mit PIMS. Die meis­ten Fäl­le wur­den zum Höhe­punkt der drit­ten Coro­na-Wel­le von Dezem­ber bis März gemeldet.

Töd­li­che Ver­läu­fe wur­den der DGPI bis­her nicht gemel­det. Auch Fol­ge­schä­den sind mit weni­ger als 10 Pro­zent (25 Fäl­le) sel­ten. Hier kom­men Herz-Kreis­lauf-Pro­ble­me (18 Fäl­le) mit Abstand am häu­figs­ten vor.

PIMS ist aber nur eine von mög­li­chen Spät­fol­gen einer Covid-19-Erkran­kung bei Kin­dern. Wie stark sie von Long-Covid (Post-Covid) betrof­fen sind, ist noch nicht ganz klar, erst all­mäh­lich brin­gen Stu­di­en Licht ins Dunkel.

Long-Covid-Risiko noch schwer einzuschätzen

Für eine im April von “The Lan­cet” publi­zier­te aus­tra­li­schen Stu­die wer­te­ten For­scher Daten von 151 Kin­dern und Jugend­li­chen unter 18 Jah­ren aus, die nach einem posi­ti­ven Covid-19-Test an die Kin­der­kli­nik in Mel­bourne über­wie­sen wurden.

Die meis­ten von ihnen hat­ten mil­de oder asym­pto­ma­ti­sche Ver­läu­fe. Zwölf (8 Pro­zent) der jun­gen Pati­en­ten zeig­ten nach drei bis sechs Mona­ten post-aku­te Syn­dro­me. Sechs von ihnen (4 Pro­zent) hat­ten leich­ten Hus­ten, drei (2 Pro­zent) lit­ten unter Müdig­keit. Nach spä­tes­tens acht Wochen waren die­se Sym­pto­me abgeklungen.

Nach von April 2020 bis Mit­te Dezem­ber 2020 gesam­mel­ten Daten des bri­ti­schen Office for Natio­nal Sta­tis­tics (ONS) zei­gen etwa 13 Pro­zent der Kin­der von 2 bis 11 Jah­ren fünf Wochen nach dem ers­ten Auf­tre­ten noch Covid-19-Sym­pto­me. Bei den 12- bis 16-Jäh­ri­gen sind es 14,5 Pro­zent, bei älte­ren Jugend­li­chen knapp 17 Prozent.

Für eine im April publi­zier­te ita­lie­ni­sche Stu­diebefrag­ten Wis­sen­schaft­ler 123 Kin­dern im Durch­schnitts­al­ter von 11,4 Jah­ren, bei denen zwi­schen März und Novem­ber 2020 Covid-19 dia­gnos­ti­ziert wur­de. Rund 43 Pro­zent zeig­ten nach mehr als 60 Tage noch min­des­tens ein Sym­ptom. Beson­ders häu­fig tra­ten Müdig­keit, Mus­kel- und Gelenk­schmer­zen, Kopf­schmer­zen, Schlaf­lo­sig­keit, Atem­be­schwer­den und Herz­klop­fen auf.

Warten auf Daten aus Deutschland

Auch die DGPI hat im Früh­jahr begon­nen, Daten zu Post-Covid bei Kin­dern und Jugend­li­chen zu sam­meln. Die­se Infor­ma­tio­nen wer­den sehr auf­schluss­reich sein, bis­her hat die Gesell­schaft aber noch kei­ne Zwi­schen­er­geb­nis­se ver­öf­fent­licht. Lei­der habe er für Deutsch­land noch kei­ne Zah­len, sag­te der DGPI-Vor­sit­zen­de Johan­nes Hüb­ner ntv.de. Inter­na­tio­na­le Ver­glei­che sei­en schwie­rig, also nach Ita­li­en, Eng­land oder Aus­tra­li­en zu sehen. “Wir brau­chen da schon auch eige­ne Daten aus Deutschland.”

Ein Pro­blem sieht Hüb­ner im brei­ten Spek­trum der Long-Covid-Sym­pto­me. Mil­de Sym­pto­me wie Schlaf- und Kon­zen­tra­ti­ons­stö­run­gen sei­en sehr schwer von Din­gen zu dif­fe­ren­zie­ren, “die wir mög­li­cher­wei­se alle haben, die halt ein­fach die Belas­tungs­si­tua­ti­on im Rah­men der Pan­de­mie reflektieren”.

Ein wei­te­rer Punkt sei, wie man Long-Covid defi­nie­re, ob man Sym­pto­me noch nach fünf, neun oder zwölf Wochen fest­stel­len kön­ne. “Je län­ger die Zeit­räu­me sind, des­to mehr ver­schwin­det natür­lich davon”, so Hüb­ner. “Wir sehen aber jetzt auch schon Pati­en­ten, die doch eine mas­si­ve Sym­pto­ma­tik haben, aber nicht sehr vie­le.” Man müs­se die Ent­wick­lung jetzt ein­fach gut beobachten.

Kein Grund, Schulen zu schließen

Einen Grund, des­we­gen erneut Schu­len zu schlie­ßen, sieht Johan­nes Hüb­ner auf kei­nen Fall. “Wir als Kin­der­ärz­te haben immer gesagt, dass man Schu­len auch in der Pan­de­mie offen­hal­ten kann. Dafür gibts ganz klar Emp­feh­lun­gen, Stel­lung­nah­men, Richt­li­ni­en”, sag­te er ntv.de. Das sähen auch Kol­le­gen in den USA, Frank­reich oder Eng­land so.

Die gan­ze Angst und Sor­ge vor Schu­len als Pan­de­mie­trei­ber sei inzwi­schen durch vie­le Berich­te, durch vie­le Stu­di­en wider­legt. Hüb­ner geht davon aus, dass es im Herbst in den Schu­len kei­ne Pro­ble­me mehr geben wer­de, wenn es bis dahin gelin­ge, die Mehr­heit der Erwach­se­nen zu imp­fen und damit die Fall­zah­len nied­rig zu halten.

Dass die STIKO vor­erst nur Imp­fun­gen für 12- bis 17-Jäh­ri­ge mit Vor­er­kran­kun­gen emp­fiehlt, hält der Kin­der­arzt für völ­lig rich­tig. Die Daten­la­ge sei im Moment dafür ein­fach noch zu dünn. Wenn man bes­se­re Daten über Ver­träg­lich­keit und Neben­wir­kun­gen habe, wer­de dies noch­mal neu bewer­tet. Dies sei der Fall, wenn man die Aus­wer­tun­gen aus den USA habe, wo bereits über 5 Mil­lio­nen Kin­der zwi­schen 12 und 15 Jah­ren geimpft wor­den seien.

“Ich habe da kei­ne Sor­ge und bin opti­mis­tisch, dass das gut ver­tra­gen wird, wür­de aber erst ganz ger­ne die Daten sehen.” So sehe dies auch die STIKO. “Und dann kön­nen die Jugend­li­chen mit ihren Eltern auch selbst ent­schei­den, ob sie geimpft wer­den sollen.”

Quel­le: ntv.de

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